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Einige Crypto-Token erlebten in den letzten Wochen und Monaten einen enormen Kursanstieg und erreichten bisweilen neue All-Time-Highs. Besonders öffentlichkeitswirksam war die rasante Kursentwicklung von Bitcoin. Im Zuge dieser Rally steigt neben dem Interesse am direkten Erwerb und Handel von Crypto-Token auch das Interesse an anderen Crypto-Finanzprodukten, wie z.B. Crypto-Futures und Crypto-CFDs (Contracts for Differences – Differenzkontrakte). Diese Produkte ermöglichen es den Anleger:innen, auf Kursentwicklungen zu setzen, ohne die zu Grunde liegenden Token selbst zu erwerben. Mit geringerem Kapitaleinsatz als beim Kauf entsprechender Token lässt sich damit dieselbe Partizipation an Kursentwicklungen erreichen (Leverage-Effekt). Gleichfalls lässt sich – wie bei klassischen Termingeschäften – auch auf fallende Kurse setzen.

Bei dieser Anlageform sind jedoch steuerliche Fallstricke zu beachten. Hier ist insbesondere die zum 1. Januar 2021 neu eingeführte Regelung zur Verrechnung von Verlusten aus Termingeschäften und sonstigen Kapitalforderungen (§ 20 Abs. 6 Satz 5 ff. EStG) zu beachten. Diese birgt besondere steuerliche Risiken für Privatanleger:innen.

I. Steuerliche Einordnung von CFDs und Futures im Privatvermögen

Gewinne aus CFDs und Future-Verträgen, die nicht auf die Lieferung der jeweiligen Basiswerte ausgelegt sind, werden grundsätzlich als Termingeschäfte qualifiziert und unterliegen als Einkünfte aus Kapitalvermögen (§ 20 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 EStG) der Abgeltungsteuer von 25 % (zzgl. Solidaritätszuschlag sowie ggf. Kirchensteuer).

Nach Auffassung der Finanzverwaltung (BMF-Schreiben v. 18. Januar 2016, BStBl. I 2016 S. 85) sind jegliche Options- und Festgeschäfte als Termingeschäfte zu qualifizieren, deren Preis von den Börsen- und Marktpreisen bzw. den Kursen von Wertpapieren, Geldmarktinstrumenten, Devisen, Zinssätzen, Waren oder Edelmetallen abhängt.

Ob diese Grundsätze auch auf Crypto-CFDs und Crypto-Futures übertragbar sind, wurde bislang durch die Finanzverwaltung nicht bestätigt. Eine eher abwegig erscheinende Qualifikation entsprechender Geschäfte als Einkünfte aus Gewerbebetrieb durch die Finanzverwaltung wäre zumindest denkbar. Damit würde eine Besteuerung mit dem persönlichen Einkommensteuersatz von bis zu 47,5 % (Einkommensteuer zzgl. Solidaritätszuschlag sowie ggf. Kirchensteuer) einhergehen.

Grundsätzlich erscheint es jedoch sachgerecht zu sein, die allgemeinen Grundsätze auch auf diese Sonderform der CFDs und Future-Verträge zu übertragen, da es bei Termingeschäften nicht auf die Bezugsgröße ankommen sollte. Damit würden Gewinne der Abgeltungsteuer unterliegen. Anders als bei der Veräußerung von Crypto-Token im Privatvermögen kommt eine Steuerfreiheit bei einem Verkauf von Finanzprodukten nach dem Ablauf der sog. Spekulationsfrist von einem Jahr (vgl. § 23 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG) regelmäßig nicht in Betracht. Anders wäre dies, entgegen der Auffassung der Finanzverwaltung, jedoch dann zu beurteilen, wenn ein Anspruch auf Lieferung des jeweiligen Basiswertes bestünde sowie dieser Basiswert tatsächlich durch den Emittenten vorgehalten würde. So jedenfalls die Rechtsprechung des BFH zu „Gold Bullion Securities"-Inhaberschuldverschreibungen vom 16. Juni 2020 (Az. VIII R 7/17).

Aufgrund der Vielzahl von Anbietern und denkbaren Ausgestaltungen von Crypto-Finanzprodukten bestehen mannigfaltige für steuerliche Zwecke nicht bindende Produktbezeichnungen. Daher ist eine einzelfallabhängige Prüfung des jeweiligen Finanzproduktes unverzichtbar.

II. Neue GesetzeslageUnabhängig von den Unwägbarkeiten, die im Zusammenhang mit Crypto-Finanzprodukten bestehen, hat sich die steuerliche Situation für private Anleger:innen zum 1. Januar dieses Jahres erheblich verschlechtert. Verluste aus Termingeschäften dürfen nur bis zu einer Höhe von EUR 20.000 mit Erträgen aus Termingeschäften verrechnet werden (§ 20 Abs. 6 Satz 5 EStG). Darüber hinaus gehende Verluste aus defizitären Termingeschäften haben im Jahr ihrer Realisierung keine Auswirkung auf das steuerliche Einkommen. Die insoweit nicht verrechenbaren Verluste dürfen zwar in Folgejahre vorgetragen werden, sie dürfen aber gleichwohl nur mit künftigen Erträgen aus entsprechenden Termingeschäften i.H.v. bis zu EUR 20.000 verrechnet werden.

Die Neuregelung kann dazu führen, dass Anleger:innen in einem Jahr zwar insgesamt einen Verlust aus Termingeschäften realisieren, mit ihren profitablen Termingeschäften aber dennoch der Besteuerung unterliegen. Dies ist bei Crypto-Futures und Crypto-CFDs ein großes Problem, weil durch die eingangs beschriebene Hebelwirkung (Leverage) sowie die hohe Volatilität in dieser Anlageklasse schneller Gewinne und Verluste erzielt werden können. Darf man die Verluste nicht uneingeschränkt in einem Jahr verrechnen, droht eine signifikante Übermaßbesteuerung.

Beispiel:
Anleger:in A realisiert im Jahr 2021 eine Vielzahl von Termingeschäften. Insgesamt wurden mit profitablen Termingeschäften Gewinne i.H.v. EUR 80.000 realisiert. Die aus defizitären Termingeschäften resultierenden Verluste betragen EUR 120.000. Das Totalergebnis aus den Termingeschäften beträgt somit EUR −40.000.

Für steuerliche Zwecke dürfen ausschließlich Verluste i.H.v. maximal EUR 20.000 mit den Gewinnen verrechnet werden, sodass das steuerliche Ergebnis EUR 60.000 beträgt. Die Steuerbelastung beträgt EUR 15.825 (Abgeltungsteuer zzgl. Solidaritätszuschlag sowie ggfs. Kirchensteuer), obwohl der oder die Anleger:in im Saldo einen erheblichen gesamtwirtschaftlichen Verlust erzielt hat – und dies sogar innerhalb derselben Anlageklasse. Die nicht sofort nutzbaren Verluste sind vortragsfähig und gehen nicht pauschal unter. Sie können aber nur im vorgenannten Rahmen sehr eingeschränkt mit künftigen Gewinnen verrechnet werden (bis zu EUR 20.000), sofern solche überhaupt entstehen und keine weiteren Verluste hinzutreten. Je nach den Verhältnissen in den Folgejahren können die Verluste daher nur sehr eingeschränkt (wenn überhaupt) effektiv genutzt werden.

Das Konzept der Verlustverrechnungsbeschränkung wurde im Dezember 2019 in das EStG aufgenommen, damals noch mit einer betragsmäßigen Begrenzung auf EUR 10.000. Gegen die Neuregelung bestehen seitdem erhebliche verfassungsrechtliche Bedenken, die bereits das obige Beispiel verdeutlicht.

Viele gingen davon aus, dass die zum 1. Januar 2021 erstmals anwendbare Regelung noch vor ihrer erstmaligen Wirksamkeit wieder aufgehoben werden würde. Doch dem war nicht so. Die betragsmäßige Erhöhung der erlaubten Verlustverrechnung auf EUR 20.000 wirkt insoweit wie der oft zitierte „Tropfen auf dem heißen Stein". Die verfassungsrechtlichen Bedenken bleiben bestehen.

Abgrenzung:
Gewerbliche Anleger:innen (inkl. gewerbliche Personengesellschaften und GmbHs) unterliegen nicht der vorgenannten Verlustabzugsbeschränkung. Der Abschluss der Termingeschäfte aus einem Betriebsvermögen heraus könnte daher als mögliche Alternative in Betracht gezogen werden.

Zwar gibt es auch bei gewerblichen Anleger:innen eine ähnliche Verlustverrechnungsbeschränkung (§ 15 Abs. 4 Satz 1–3 EStG), wonach eine Verrechnung von Verlusten aus Termingeschäften nur mit Gewinnen aus diesen verrechenbar sind, doch greift insoweit keine betragsmäßige Begrenzung, anders als bei Privatanleger:innen im vorgenannten Umfang.

Die Voraussetzungen für eine Behandlung als Betriebsvermögen sowie die steuerliche Vorteilhaftigkeit sind gleichwohl im jeweiligen Einzelfall genau zu prüfen.

III. AusblickEs ist zu hoffen, dass in nächster Zeit die bestehenden verfassungsrechtlichen Bedenken zu einer Änderung des EStG führen. Zusätzlich wäre es wünschenswert, dass Unsicherheiten im Zusammenhang mit Crypto-Finanzprodukten durch eine Stellungnahme der Finanzverwaltung ausgeräumt würden. Bis dahin sind Investitionsentscheidungen und mögliche Investitionswege sorgfältig und einzelfallabhängig zu prüfen.

Steuerbescheide, in denen die Verlustverrechnungsbeschränkung auf Termingeschäfte Anwendung findet, sollten aufgrund der verfassungsrechtlichen Bedenken offengehalten werden.